Yogi und Eltern sein. Wie Yoga in der Elternschaft aufblüht

Foto Yogi und Eltern sein

Viele Eltern finden keine Zeit mehr für Freizeitaktivitäten wie Yoga. Doch das ist ein Trugschluss. Der Alltag selbst ist das perfekte Übungsfeld für Yoga. Hier, mitten im Familienleben, können wir besonders gut Yoga üben. Ein Artikel nicht nur für Eltern, sondern für alle, die ihre spirituelle Praxis lebensnaher gestalten möchten. Ein persönlicher Text voller praktischer Beispiele und Tipps.

Ich erinnere mich an Zeiten, in denen ich all meine Freizeit im Yogastudio verbrachte. Als ich noch in Madrid wohnte, ging ich fünf Mal die Woche ins Vinyasa Yoga! Mit meiner Yogamatte auf dem Rücken und klickernden Absatzschuhen verließ ich die Kunstgalerie, in der ich arbeitete und spazierte durch die warme und geschäftige Innenstadt ins angrenzende Stadtviertel. Die Klassen gingen von 21 bis 23 Uhr. Oftmals gingen wir danach noch in einer Tapasbar etwas essen oder trinken und ich fiel erst nach Mitternacht in mein Bett – glücklich und erschöpft.

Heute, acht Jahre später, ist daran nicht mehr im Traum zu denken! Ich falle abends auch glücklich und erschöpft ins Bett, aber nicht, weil ich am Abend schweißtreibendes Yoga geübt habe, sondern einfach weil wir jetzt Eltern sind. Mein Leben hat sich verändert und meine Yogapraxis mit mir. Seit der Geburt unseres Sohnes bin ich nicht mehr oder weniger Yogini als früher, ich bin einfach nur eine Andere.

Nach der Geburt empfand ich Gefühle so intensiv, wie ich es noch nie zuvor erlebt hatte. Ich war voller Selbstbewusstsein und Euphorie und gleichzeitig voller Sorgen, dass unserem Baby nichts zustößt. Dazu kam, dass meine Sinne extrem geschärft und empfindsam geworden waren. Ich schwebte zwischen unglaublichem Glück und unvorstellbarer Reizüberflutung. Mein Anker zwischen diesen Polen war Yoga.

Meine Yogapraxis hat mich durch die Höhen und Tiefen des Eltern Seins geführt. Sie hat mir Ausgleich geschenkt, wenn ich überfordert war. Sie hat mir Ruhe verschafft, wenn ich aufgewühlt war. Sie hat mir geholfen, die Dinge so zu akzeptieren wie sie sind. Sie hat eine tiefe Dankbarkeit in mir für das Leben geweckt. Aber vor allem: Meine Yogapraxis kehrt immer wieder die bestmögliche Seite von mir hervor und hält eine innige Verbindung in unserer Familie aufrecht.

Schritt 1: Fülle Deinen Alltag mit Achtsamkeit

Ich gewöhnte mir an, während des Stillens kein Multitasking zu betreiben. Kein Buch, kein Handy, keine Gespräche, sondern ich hörte einfach nur meinen Atem und spürte unser Baby in meinen Armen liegen. Die vielen innigen Stunden des Stillens wurden so zu einer Meditation, in der ich Ruhe und Verbundenheit erfuhr. Auch jetzt, da unser Baby ein Kleinkind ist, übe ich mich in Achtsamkeit, wann immer ich kann. Beim Spielen vertiefe ich mich voll und ganz in unser Tun. Wenn wir spazieren gehen, staune ich über das, was unser Kleiner sieht. Wenn er vor Wut schreit, bleibe ich bei ihm und gebe seinen Gefühlen Raum. Zumindest versuche ich es!

Mantra Meditation

Wir begannen vor der Geburt jeden Tag das Mantra ‚Om gam ganapataye namah’ zu rezitieren. Das repetitive Aufsagen eines einfachen Verses hilft in der Meditation, die Gedanken zu fokussieren und stärkt gewisse Qualitäten in uns. Das Ganesha Mantra steht für den Neubeginn und das Überwinden aller Hindernisse. Nachdem unser Sohn zur Welt kam, meditierten wir unser Willkommens-Mantra noch einen Monat lang. Wir sangen es zum Einschlafen oder rezitierten die Wörter in Stille beim Spazieren gehen. Auf diese Weise behielten wir den Zauber des neuen Lebens aufrecht und umgaben uns Drei mit Zuversicht und Geborgenheit.

Persönliche Affirmationen

Zusätzlich meditierte ich mit meinen eigenen Mantren. Einen Tag nach der Geburt schrieb ich all unsere Erlebnisse auf. Sätze, die für mich besonders emotional waren, machte ich zu meinen persönlichen Affirmationen, etwa „Ich bleibe im Moment“ oder „Ich kann alles schaffen“. Immer wenn ich in Stress gerate, sage ich mir diese Wörter innerlich auf und die unglaubliche Kraft, die ich während der Geburt hatte, kommt augenblicklich zurück. Diese kleinen Gesten sind das schönste Yoga, das ich bisher geübt habe!

Schritt 2: Individualisiere Deine Asanapraxis

Spätestens wenn wir Eltern werden ist es Zeit für eine Asanapraxis, die sich voll uns ganz nach unseren aktuellen Bedürfnissen richtet, anstatt einem früheren Ideal zu folgen. Wenn sich das Leben so radikal verändert, passen alte Gewohnheiten manchmal nicht mehr und das ist schwer zu akzeptieren. Doch es ist völlig in Ordnung! Mal ist es an der Zeit kraftvolles Yoga zu üben, mal sanfte Asanas. In welche Richtung unsere Bedürfnisse auch wandern, unsere Asanapraxis darf sich gemeinsam mit unserem Leben im Wandel befinden.

Catienica meets Yin Yoga

Ich belegte nach der Geburt einen Catienica Rückbildungskurs. Dieses spezielle Beckenbodentraining ist sehr detailliert und ich lernte enorm viel über die Anatomie des ganzen Körpers. Nach jeder Stunde kam ich begeistert nach Hause und probierte die Übungen beim Sitzen am Essenstisch oder beim Treppen steigen aus. Ich begann, die Catienica Prinzipien in meine sanfte Yin Yogapraxis einzubauen. Ich begriff zum ersten Mal am eigenen Leib, dass Beckenboden und Bauchmuskulatur entscheidend für die Aufspannung des gesamten Körpers sind. Das erklärte, wieso mir Rückbeugen und Schulteröffner bei meinem verspannten Nacken nicht weiter halfen, sondern mir Bauchübungen viel besser taten. Phasen, in denen sich unser Körper verändert und wir anders als gewohnt Yoga praktizieren, können enorm lehrreich sein, wenn wir uns voll und ganz darauf einlassen.

Schritt 3. Lerne im Zusammensein mit Deinem Kind

Nicht zuletzt sind Kinder die besten Lehrer, heißt es so schön. „Ein reifer Mensch muss nicht unbedingt Kinder in die Welt setzen“, sagt ein Sprichwort, „aber Kinder tragen auf jeden Fall dazu bei, den Menschen reifer werden zu lassen.“[1] Das Zusammenleben mit unserem Sohn hat in der Tat ganz neue Qualitäten in mir geweckt und intensiviert. Herzqualitäten – wie wir sie im Element Yoga nennen – wie Dankbarkeit, Hingabe, Akzeptanz, Fürsorge oder Selbstfürsorge – haben für mich ganz neue Dimensionen angenommen. Und mehr noch: Für mich ist Yoga viel lebendiger und lebensnaher geworden, seit dem ich Mutter bin.

Die 5 Handlungen Shivas

Yogis lehren seit Jahrtausenden ein zyklisches Zeitverständnis. Die Buddhisten nennen es „Gesetz des Wandels“, die Hinduisten „Die 5 Handlungen Shivas“ (Entstehen, Erhaltung, Auflösung, Verhüllung, Enthüllung). Die Natur unseres Daseins bestehe in Veränderung. Unser Leben verlaufe in Phasen, die kommen und gehen. Sich gegen diesen Kreislauf zu wehren bringe nur Leid mit sich, heißt es. Für mich war diese Lehre bis zur Geburt unseres Kindes ein erstrebenswerte Theorie, die ich aber nie wirklich fühlen könnte. Doch jetzt, da ich die Trimester von Schwangerschaft und die Wehen der Geburt erleben durfte und ich sehe, wie sich mein Kind in Schüben entwickelt, lebe ich in diesem Wissen. Zeiten des Schmerzes und Mangels, der Unausgeglichenheit und Krankheit kann ich viel besser durchstehen, weil ich aus Erfahrung weiß, dass diese Phasen wieder vorbeigehen werden.

Yogi und Eltern sein 

In unserer Wohnung haben wir einen kleinen Altar mit Erinnerungstücken unserer Indienreise und Fotos unserer Lehrer. Im Hintergrund ruht ein schwarz-weißes Babyfoto unseres Sohnes. Daneben steht eine Postkarte einer Marmorskulptur aus dem Victoria and Albert Museum, die uns unsere Lehrerin Bridget Woods Kramer geschenkt hat. Sie zeigt die innige Verbindung zwischen Mutter und Kind. Unser Altar erinnert mich jeden Tag daran, dass Yogi und Eltern Sein sich nicht ausschließen.

All die Hingabe, die wir für unsere Kinder aufbringen, ist Yoga. Die achtsame Haltung, mit denen wir unseren Kindern begegnen, ist Yoga. Jede Erkenntnis, die wir im Zusammenleben mit unseren Kindern machen, ist Yoga. Unser Yogaweg kann aufblühen, wenn wir unsere gewohnte Perspektive auf Yoga verändern und kreativ werden. Wenn wir Wege finden, unser Familienleben mit Achtsamkeit zu füllen, unsere Asanapraxis an unsere Bedürfnisse anpassen und von unseren Kindern lernen, werden wir zu Yogis rund um die Uhr, trotz – oder gerade wegen – unseres Eltern Seins.

5 Schritte für mehr Yoga, Spiritualität und Achtsamkeit in Deinem Familienalltag

  1. Wähle eine Handlung aus und fülle sie mit all Deiner Aufmerksamkeit, z.B. das Abendessen, Stillen, Baden, Zur Kita fahren oder Spazierengehen. Tue nur das und nichts anderes während dessen. Lass Dir von Deinem Kind helfen. Höre auf seinen Atem. Schau ihr zu. Nimm wahr, was es erlebt. Spüre dabei auch Deinen Atem und beobachte, wie es Dir geht. Genieße die Meditation inmitten des Tuns.
  1. Denke Dir Dein eigenes Mantra aus, z.B. „Ich bin voller Vertrauen“. Sage es Dir innerlich auf, wann immer Du in Stress gerätst, etwa wenn Dein Kind weint, es krank ist oder wenn Du nicht schlafen kannst. Nimm wahr, wie es Deine Stimmung verändert.
  1. Mache abends vor dem Einschlafen für 5 Minuten einen Bodyscan. Lege Dich auf den Rücken und wandere mit Deiner Aufmerksamkeit durch den Körper, von den Füßen bis zum Kopf. Benenne innerlich kurz jeden Körperteil und lasse ihn schwer werden. Wenn Du bei dieser Übung einschläfst, um so besser!
  1. Wenn Du einen Moment Zeit hast, lege Dich auf Deine Yogamatte und nimm ein paar tiefe Atemzüge. Spüre ehrlich in Dich hinein und übe nur das, wonach Dir jetzt ist. Vielleicht bleibst Du liegen und ruhst Dich aus, vielleicht magst Du ein paar Sonnengrüße, kräftigende Standhaltungen oder öffnende Rückbeugen üben. Gerne helfe ich Dir in einer Einzelstunde, eine Sequenz für deine individuellen Bedürfnisse zu entwickeln, so dass Du alleine zu Hause üben kannst.
  1. Erzählt Euch in der Familie am Abend drei Dinge, wofür Ihr dankbar seid oder schreibe sie für Dich alleine auf. Blicke auf den Tag zurück und sehe die schönen, aber auch die herausfordernden Momente, an denen Du wachsen konntest. Schätze sie Wert und sei Dir bewusst, wie kostbar dieser weitere Tag mit Deinem Kind war.

Empfehlungen und Tipps 

Kurse

  • Die Hebamme Clarissa Schwarz leitet „Geburtsvorbereitungskurse mit Achtsamkeit“ nach der Methode „Mindfulness Based Childbirth and Parenting“ (MBCP) von Nancy Bardacke, basierend auf der bekannten Methode „Mindfulness Based Stress Reduction (MBSR) von Jon Kabat-Zinn. Clarissas annehmende und mitfühlende Haltung zum Leben hat mich zutiefst berührt. Ihr Kurs und ihre Betreuung haben uns ideal auf die Geburt und alles was danach kam, vorbereitet. Sie bietet auch normale Kompakt MBSR Kurse ohne Geburtsvorbereitung an. Ihre Kurse finden in Berlin, Bayern und Italien statt.
  • Die Catienica Methode ist ideal zur Rückbildung nach der Geburt geeignet. Bei der erfahrenen Lehrerin Katja Klingenberg lernte ich, wie ich die Übungen gezielt in meinen Alltag mit Baby einbauen konnte. Catienica brachte mehr Bewusstheit und Kraft in meine täglichen Bewegungen. Katja leitet Kurse für Schwangere, Rückbildungskurse und offene Klassen in Berlin. Ihr Training ist für Männer, Frauen und Kinder geeignet. Catienica Kurse gibt es deutschlandweit.

Bücher

Retreats und Urlaube

 

[1] Dan Wilman: „Eine Kunst die wir im Tun erlernen“, In: William Martin: Das Tao Te King für Eltern, S. 8.

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